Donnerstag, 5. Juli 2012

Schlaflosigkeit und Stress in Deutschland

Die „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“
des Robert Koch Instituts


Ja, auch ich kenne den Totschlagspruch: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast“, und ich ignoriere ihn schon lange. Wer so spricht versteht nicht worum es bei Empirie und Stochastik geht oder will es nicht. Ja, ich kann meine Auswahl aus der Grundgesamtheit so gestalten und die Gruppierung der Erhebungsergebnisse so vornehmen, dass ein bestimmtes angestrebtes Bild unter gegebenen Rahmenbedingungen erzielt wird. Aber wo es keine Cluster (Gruppen) gibt, lassen sich schwerlich welche finden. Faktoranalysen scheitern oder aber sie liefern keine Ursachen und Einflussfaktoren auf Merkmale. Einflüsse wo keine sind, wird sie nicht belegen können. Die mir bekannteste Scheinkorrelation (Scheinzusammenhang) in der Psychologie im weitesten Sinne ist jene, zwischen der Selbstmordrate in den USA und der Dichte von Country-Musik Radiostationen: Je höher deren Dichte, desto höher die Selbstmordrate. Selbst wenn man wie ich kein Fan von Country Musik ist, so wird man ernstlich kaum einen Zusammenhang zwischen dieser und der Selbstmordrate herstellen wollen, auch wenn dieser statistisch gezeigt werden kann.

Der Totschlag-Spruch von eben, der auch dazu dient sich eben nicht mit harten Fakten befassen zu müssen, sollte korrekterweise lauten: „Glaube nie einer Datenerhebung und -auswertung, die Du nicht selbst hinterfragt und durchdacht hast.“ Nun wird hoffentlich niemand dem Robert Koch Institut unterstellen wollen es fälsche Daten und Statistiken. Und dies umso mehr, als die jetzt erschienenen ersten Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ nicht nur Grundlage vieler politischer Entscheidungen sein werden sondern eigentlich auch eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme darstellen. Die Studie ist ein Hinweis an uns alle, wie es in unserem Zusammenleben in Deutschland um die Volksgesundheit bestellt ist, ein Wort dass aus Gründen der politischen Korrektheit gerne als Public Health eingedeutscht wird. Ich bleibe bei Volksgesundheit. Das Wort beschreibt die Gesundheit aller in Deutschland und wird in der Übersetzung nicht zur „Öffentlichen Gesundheit“ der man vermeintlich eine „private Gesundheit“ gegenüber stellen könnte, ganz so als sei ein ungesunder öffentlicher Arbeitsplatz mit einem gesunden Privatleben zu kompensieren und so Krankheit zu vermeiden.
 
Krankheit selber ist im Übrigen nichts Ungesundes. Krankheit ist im Allgemeinen ein Mechanismus, eine Funktion, die das menschliche System (Körper, Geist oder beide zusammen) erfüllen muss, um fortbestehen zu können. Es wäre mehr als ungesund würden wir auf bestimmte Einflüsse von außen nicht mit Fieber reagieren. Auch Burnout kann in diesem Sinne als gesunde Reaktion des menschlichen Systems auf äußere Einflüsse begriffen werden. Burnout, so schlimm er sein mag (und ich habe ihn selbst durchlitten) ist eine gesunde Reaktion, die vor Schlimmerem bewahrt, dem Herzinfarkt, dem Hirnschlag oder dem Suizidversuch. Der Tod oder eine lebenslange Behinderung als deren Folge sind deutlich fataler, als ein zwischenzeitlicher Stillstand im Leben. Burnout ist also, wie eine fiebrige Grippe, die deutlich angenehmere Lösung der Natur zur Lösung eines ungesunden Zustandes. Denn so unangenehm zwei Wochen Krankenlager mit einer Infektion sein mögen - besser als an ihr zu versterben ist es Allemal!

Doch wozu dienen dann Depressionen und Schlaflosigkeit? Was soll es uns sagen wenn jeweils über 20 Prozent der Männer (22,3 Prozent) und Frauen (30,8 Prozent) in Deutschland mindestens dreimal die Woche an Schlafstörungen leiden? In Worten: Jeder vierte Mensch über 18 Jahren in Deutschland schläft in drei, vier, fünf, sechs oder sieben Nächten der Woche nicht ungestört durch. Ungestört heißt nicht gestört durch nächtlichen Fluglärm, feiernde Nachbarn, schutzsuchende Kinder mit Alptraum oder einen nächtlichen Liebesakt, sondern aus ihrer eigenen physischen und psychischen Konstitution heraus Drei von vier Menschen schlafen lediglich in ein oder zwei Nächten nicht ungestört oder schlafen durch.

Kann es gesund sein, wenn sich ein Volk um seine Nachtruhe bringt? Ist es gesund, wenn acht Prozent an Depressionen leiden und 4,5 Prozent angeben aktuell mit Burnoutsyndrom diagnostiziert zu sein?

Ich bin kein Arzt, kann also nicht medizinisch korrekt feststellen, dass es sich bei Schlaflosigkeit um eine körperlich oder seelisch / psychisch ungesunde Angelegenheit handelt. Ich will es der Einfachheit einmal annehmen, denn wieso sonst würde es Medikamente gegen Schlaflosigkeit geben, wenn dieser Zustand kurzfristig oder dauerhaft nicht die Gesundheit gefährden würde? Außerdem kann ich aus der Zeit vor meinem eigenen Burnout sagen, dass zwei Stunden Schlaf pro Nacht nicht ausreichen, um einer beruflichen Tätigkeit erfolgreich nachzugehen.
 
Aus Sicht der Betriebswirtschaftslehre will ich unbedingt festhalten, dass eine ausgeschlafene Mitarbeiterin oder eine ausgeschlafener Mitarbeiter eine Voraussetzung für funktionsfähige Prozesse und gute Prozessergebnisse ist. Welche schwerwiegenden Folgen mangelnder Schlaf haben kann, dass zeigen uns Unfälle von LKWs und Bussen auf Autobahnen und Landstraßen, die immer wieder auf übermüdete Fahrerinnen und Fahrer zurückzuführen sind. Und auch wenn Tippfehler im Jahr 2012 dank Computer, automatischer Rechtschreibkontrolle und Speichermöglichkeiten für Textdateien weniger fatal sein mögen als in den Zeiten von Kohledurchschlagpapier und Schreibmaschinen, so steigern sie nicht die Produktivität. Mangelnder Schlaf führt zu Unkonzentriertheit und Aufmerksamkeitsmangel, was im Kundenkontakt fatal sein kann. Dem heutigen Verständnis von Qualitätsmanagement und dem oft postulierten Ziel der Null-Fehler-Produktion entspricht es nicht, unausgeschlafene Menschen am Arbeitsplatz zu haben.

Bei Depressionen wird es schwieriger. Jeder Mensch durchläuft im Leben depressive Momente oder Phasen. Dem Gedanken folgend, dass diese einem insgesamt gesunden Zweck für das Gesamtsystem dienen, müssen wir sie von zwei Seiten aus betrachten. Eine Depression als verstärkte Traurigkeit kann helfen beispielsweise schneller mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig zu werden, wenn ihr der eigene Lebenswille entgegen tritt. In dieser Form ist eine vorübergehende Depression wie eine Wolke an einem klaren Sommerhimmel. Die Wolke vermag den Sonnenschein nicht wirklich zu trüben und wird vorüberziehen. Das ist gesund.

Kritisch wird es, wenn die Wolke nicht mehr weg geht und neue Wolken hinzukommen. Wolken werden zum Alltag, werden nicht mehr wirklich wahrgenommen, neue Wolken als selbstverständlich betrachtet und ihr Verbleib ist normaler Teil des Lebens. Bei allen anderen Wolken die aufzogen, war es ja auch so. Irgendwann aber verdeckt die letzte Wolke das letzte bisschen Sonnenschein, es wird dunkel und die tiefe Depression ist da. So in etwa kann man sich bildlich den Weg in eine Depression vorstellen. Der Weg dahin kann lang sein, der Umschwung unvermittelt durch eine besonders große Wolke kommen, oder sich ankündigen aber nicht beachtet werden.

In keinem Fall wird ein chronisch depressiver Mensch noch eine positive Energie ausstrahlen, seine Kolleginnen und Kollegen begeistern, inspirieren oder mitreißen. Eher kann angenommen werden, dass Arbeitsleistung und -disziplin nachlassen werden. In der falschen Annahme diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten keine produktive Leistung mehr erbringen, versuchen Vorgesetzte diese Menschen meist zu versetzen, in den Vorruhestand zu schicken oder aus dem Unternehmen zu entfernen. Mangels Selbsterkenntnis der Betroffenen und mangels Erkenntnis der Leitungspersonen kommt es im Unternehmen nicht zu einer Bewahrung und Wiederherstellung der Arbeitskraft. Kein Mensch der mir in meiner Zeit in der Klinik begegnet ist und der oder die an Depressionen erkrankt war, war unfähig oder unqualifiziert. Im Gegenteil: Es fanden sich zahlreiche hoch begabte Menschen darunter. In den wenigsten Fällen aber wartete auf diese nach der Gesundung noch der ehemalige Arbeitsplatz. Ein in vieler Hinsicht für Arbeitgeber unnötiger Verlust an Erfahrung und Arbeitskraft, der aber nirgendwo bilanziert und deswegen gerne übersehen wird (vgl. meinen BlogBeitrag zu Burnout als Bilanzposition).
 
Im globalen Wettbewerb müssen wir ausgeschlafen sein. Im globalen Wettbewerb sollten wir uns nicht durch einen Fall in tiefe Depressionen schwächen. Ebenso kann Burnout als Zustand des physischen und psychischen Stillstandes und absoluter Leere in einem Menschen nicht als Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz eingestuft werden. Was läuft schief in Sachen psychischer Volksgesundheit?


Lesen Sie den ganzen Blog "Schlaflosigkeit und Stress in Deutschland" auf www.burnout-unternehmensberatung.de

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