Montag, 16. Juli 2012

Von der Gründung zum Burnout?


Mit Ethik gegen Burnout im eigenen Start-Up


Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit als Referent in einem Workshop zum Thema „Burnout und Work-Life-Balance“ bei der „Langen Nacht der Gründer“ der Dualen Hochschule in Karlsruhe aufzutreten. Selbst ja einmal Gründer, ist es für mich als vormals selbst von Burn-Out Betroffenem ein ganz eigenes Gefühl vor einer solchen Gruppe als Referent von meinem eigenen Weg in den Burnout hinein, hindurch und daraus hinaus zu berichten. Es lässt sich dabei kaum vermeiden, dass man versucht zu viele Informationen zu transportieren. Es ist natürlich besonders gut sein zu wollen. Und es lässt sich nicht vermeiden, einige offene Fragen zu hinterlassen.

Die Frage, welche am Schwersten zu beantworten ist: Woran merke ich es eigentlich, das ich mich auf dem Weg in den Burnout befinde? Denn wer so richtig in die Arbeit und das Leben (gleichgesetzt mit Arbeit) vertieft ist, der oder die findet in jedem Falle immer eine gute, ja sogar eine sehr gute Erklärung, warum sich gerade etwas am allgemeinen körperlichen Befinden geändert hat. Stress ist eine wunderbare und positiver Weise auch ganz unmedizinische Erklärung für einen Magen, der sich meldet, einen gereizten Hals oder die allenthalben bekannten Kopfschmerzen. In jedem Fall geht es mit unvermindertem Einsatz weiter. Die eigene Firma ruft, die eigene Idee schreien geradezu nach Selbstbestätigung und im Zweifel müssen auch schon die ersten Beschäftigten in Lohn und Brot gehalten, Rechnungen bezahlt und Kunden gewonnen werden. Im Alltag gibt es kein keinen Platz für Ausfälle oder Zeichen von Schwäche. Krankheit haben andere, Gründer und Unternehmer haben Power!

Schwach ist aber in der Realität nur, sich nicht den Ursachen und Auslösern zu stellen, sich und seine Empfindungen zu hinterfragen sondern es bei der erstbesten „Erklärung“ bewenden zu lassen. Sich nicht mit sich selbst auseinander zu setzen ist Schwäche. Alles was in einem ruht oder hochkommt zu unterdrücken ist dagegen ein einfacher und relativ billiger Mechanismus. Er wird sich jedoch tendenziell gegen einen wenden, sobald man sich zu sehr von dem entfernt, was einem am Herzen liegt, egal ob man dies verneint oder nicht. Für das Herz war bekanntermaßen noch nie der Verstand verantwortlich. Der Verstand hilft übergangsweise in Notlagen, aber er kann nicht fortwährend als Argument herhalten. Wir, als gesamtes menschliches System, merken diesen Missbrauch!

Erstaunt hat mich wie viele in der Runde bereits einmal mit „Burnout“ im weitesten Sinne selber zu tun hatten, nicht nur im Verwandten- und Bekanntenkreis, sondern selbst bereits Phasen der Niedergeschlagenheit und des Leistungsabfalls erlebt haben. Direkt Angst vor Burn-Out hat dies nicht erzeugt, aber immerhin Unsicherheit, wenn auch mit der Erfahrung es zumindest bisher ohne Erkrankung, gar eine Depression geschafft zu haben. Ein Burn-Out wird also einkalkuliert als eine Art natürliches Risiko von Unternehmertum. So aber begibt sich der Mensch in die Rolle des Burnout-Opfers, Neudeutsch „Burnout Victims“, eines Opfers, welches es meiner Ansicht nach nicht gibt. Deshalb lehne ich diesen Begriff und alles was mit einem Opfer und Hilflosigkeit bzw. Schwäche im Begriff Burnout zu tun hat ab. Auch ist mir während meiner Zeit in der Klinik nie ein Mensch mit Burnoutsyndrom begegnet, der nicht allgemein oder, vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte, nicht außerordentliches geleitet hätte oder dazu jederzeit im Stande war - vor der Wende im Leben.

Dass ich dann im Workshop sogar Burnout als soziale Kompetenz bezeichne wirkt anfänglich umso befremdlicher auf meine Zuhörerinnen und Zuhörer. Wie kann eine Krankheit Ausdruck von Kompetenz sein und nicht ein Versagen postulieren? Nun einmal ist Burn-Out keine Krankheit im eigentlichen Sinne. Das Burnoutsyndrom ist, allgemein ausgedrückt, ein Zustand vorübergehender Unfähigkeit zur Lebensbewältigung. Das dieses nicht ohne eine entscheidende Erkrankung der Psyche bzw. der Seele eintritt, mag einleuchten. Unfähigkeit als Kompetenz? Zur mehr als zweideutigen Zeugnissprache unserer Tage, passt dies nicht.

Und ich bleibe dabei: Wenn das System Mensch, die Notbremse zieht, ist dies allemal besser, als wenn es zum Zusammenstoß kommt, denn Herzinfarkt und Hirnschlag sind weniger leicht und schadlos überstanden, als ein Burnout mit Depressionen, Angsterscheinungen oder Panikattacken.

Wie schütze ich mich nun vor Burnout? Ist es der regelmäßige Wellness Urlaub in der Anti-Burnout Kurklinik? Muss ich nur genug Bücher dagegen lesen? Stressfrei leben? Keine Arbeit am Wochenende verrichten? Ist es regelmäßiger Sex der hilft oder hat Weihrauch heilende Wirkung?

Die Antwort ist einfach: Sie selbst sind ihr allerbester und im Zweifel ihr einziger ernsthafter Schutz vor Burn-Out. Es geht um Sie, Ihre Ethik, Ihr Verhalten und Ihre Beziehungen zu anderen Menschen, allgemeiner ausgedrückt Ihr Umgang mit diesen. Denn für Gründer mit beschäftigten kommt noch eines hinzu: Die Verantwortung für die Beschäftigten. Sofern diese nicht zur Familie zählen ist es durchaus ein persönliches Wagnis, sich einem Gründer als Arbeitgeber anzuvertrauen, anstatt einem Großkonzern, oder einem etablierten Mittelständler, die normalerweise mit Begriffen wie Sicherheit assoziiert werden.

Gründerinnen und Gründer stehen in Ihren Start-Up Unternehmen also in einem Zwei-Fronten-Krieg. Denn neben der Sorgfaltspflicht für sich selbst kommt jene hinzu, die gegenüber den Beschäftigten zu üben ist, auch wenn diese ganz allgemein eigenverantwortliche und gemeinhin volljährige, rechtsfähige Personen und Persönlichkeiten sein werden. Was hilft, bei der Führung des eigenen Start-Up? Was hilft dem Unternehmer mit einer Geschäftsidee in seiner Rolle als Führungskraft nicht nur seiner Idee sondern auch der Menschen die sich ihm, per Arbeitsvertrag, Werkvertrag oder innerhalb eines Dienstleistungsvertrags, verpflichtet haben?

Auch wenn die Spieltheorie besagt, dass es wirtschaftlich am Effizientesten für zwei Parteien ist sich kooperativ zu verhalten und dies fortgesetzt, um so den größten gemeinsamen nutzen zu erzielen, so ist es doch irgendwie in uns drin, dass wir immer unseren eigenen Vorteil suchen müssen und dass wir solange wir ihn nicht gefunden und realisiert haben, unser Unternehmen nicht maximal erfolgreich ist. Fragt sich nur wieso? Wieso lehnen wir kooperatives Verhalten so sehr ab? Warum lassen wir so selten Nähe zu? Wir entfernen uns, nimmt man die steigenden Zahlen der psychisch erkrankten Menschen in Deutschland als Maßstab, mit zunehmender Geschwindigkeit von unseren eigenen Ichs.

Was also kann uns selbst, kann Gründer, Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer schützen? Wie lassen sich auch an zwei psychischen Fronten noch Schlachten erfolgreich schlagen, wenn es bei einer Unternehmensgründung ja zunächst einmal um die Geschäftsidee geht? Muss nicht die innerbetriebliche Gesundheit zwangsweise zurückstecken, gerade auch in der Anlaufphase, wo mehr Zeit und oft Mangels Geld eben mehr, sogar viel mehr, Arbeit investiert werden muss?

Nö.


Lesen Sie den ganzen Blog Beitrag "Von der Gründung zum Burnout?" auf meiner Burnout-Berater Website.

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