Samstag, 4. August 2012

Arbeitsverdichtung, Stress, Burnout, Tod


Was im Krankenhaus schlecht ist kann woanders nicht gut sein


Ein wenig fürchte ich, meine Blog-Beiträge könnten langweilig werden. Mich beschleicht das Gefühl, immer über dieselbe Sache zu schreiben. Nun, bei einem Blog der sich um das Burnoutsyndrom dreht, Stress, Depressionen und Wege in den Burnout sowie damit zusammenhängende Themen in Wirtschaft und Gesellschaft, kann dies eigentlich nicht anders sein. Ich werde immer irgendwo über Burnout schreiben. Aber das ist es nicht.

Es ist eher, als würde ich zum wiederholten Mal über betriebliche Organisation, Mitarbeiterführung und Unternehmensführung schreiben. Für einen Unternehmensberater ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Aber ich komme mir vor, als würde ich über Dinge schreiben, die ich schon vor 20 Jahren auf der Universität während des Studiums gelernt habe. Mir stellt sich die Frage, was sich eigentlich in den letzten 20 Jahren in Sachen Organisation, Unternehmensführung und Personalführung geändert hat, dass alles was ich einmal gelernt habe „falsch“ ist?

O.k., Falsch ist das falsche Wort. Denn irgendwie muss ich mal etwas richtiges gelernt haben, denn was heute in Unternehmen zu sehen ist und was u.a. zu immer mehr Stress, Belastung und eben auch zu Burnout führt, widerspricht dem, was mich einst meine Professoren für Organisation sowie Unternehmensführung lehrten. Oder der heutige Zustand ist im Einklang mit dem was sie lehrten, aber ich habe sie falsch verstanden. Alternativ waren sie Männer die Einzigen auf der Welt, die wusste wie „es richtig geht“ und deshalb  stehen meine Ansichten im Gegensatz zur herrschenden Lehre bzw. im Gegensatz zur vorherrschenden Praxis. Für letzteres zumindest nicht die Wahrscheinlichkeit als extrem gering anzunehmen.

Nein, einen Diskurs über Theorie und Praxis will ich nicht führen. Aber ich will wiederholt anmerken, dass es in der Praxis ganz offenbar erhebliche Fehler gemacht werden und zwar solche, die nach meiner Auffassung jedwedem Verstande zuwider laufen müssten, es aber nicht tun. Oder aber die Menschen sagen nichts, beschweren sich nicht und werden einfach früher oder später krank. Oder sie sterben an Arbeitsverdichtung.

Was ist Arbeitsverdichtung? Nun, auf Wikipedia werden sie stand heute (1. August 2012) diesen Begriff nicht als Eintrag finden. Die Enzyklopädie bietet Ihnen stattdessen den Suchbegriff Arbeiterdichtung an. Diese hat nun aber rein gar nichts mit Arbeitsverdichtung zu tun - es sei denn es gäbe eine Arbeiterdichtung zu diesem Thema unserer heutigen Zeit. Denn vermutlich wäre Mitte oder Ende des 19 oder Anfang des 20. Jahrhunderts, jener Zeit als die Arbeiterdichtung Ihre Blüte hatte, niemand auf die Idee gekommen, Menschen würden an ihrem Arbeitsplatz nicht arbeiten oder aber nicht genügend arbeiten, für den Lohn den sie erhalten.

Dieser Gedanke aber ist die Triebfeder hinter Arbeitsverdichtung. Es heißt eigentlich nur mehr Aufgaben in der gleichen Zeit zu tun. Die Arbeitsdauer bleibt unberührt, aber die Produktivität soll so steigen - und nebenbei die Stückkosten sinken. Damit die Arbeit verdichtet werden, also intensiver gearbeitet werden kann, muss die Zeit zwischen und in Arbeitsschritten verringert werden oder der Zufluss von Arbeit muss auf ein konstantes Niveau gebracht werden. Das klingt erst einmal vernünftig, weil es als Aufgabe ein wenig wie die Bekämpfung von Verschwendung aussieht. Verschwendung im Unternehmen ist schlecht. Ja.

Aber kann Arbeitszeit verschwendet sein? Und wer kann dies beurteilen? Der Chef, der externe Unternehmensberater, der Betriebsrat oder nur der Mensch an diesem Arbeitsplatz selber?

Gehen wir vom japanischen Verständnis aus (woher auch der Gedanke der Verschwendungsbekämpfung kommt), dann ist der Mensch der eine Aufgabe verrichtet auch der Mensch, der der Experte für diese Aufgabe ist. Aber er ist der operative Experte. Im Alltag der Arbeit wird er oft nicht in der Lage sein einen Blick für problematische Zusammenhänge zu entwickeln. Daher das Andon-Prinzip. Tritt ein Fehler auf, kann jeder Arbeiter die Andon-Leine ziehen und die Produktion steht komplett still. Alle haben nun Zeit gemeinsam nach der Ursache für das Problem zu suchen. Und sie müssen es auch finden und beseitigen, denn vorher läuft die Produktion nicht wieder an. Falls sie es nicht wussten: Ja, es ist in der Tat so, dass in einer modernen Automobilproduktion der Fließbandarbeiter die gesamte Werkshalle zum Stillstand bringen kann - buchstäblich, indem der die Reißleine zieht, in dem Fall die Andon-Leine.

Damit es nicht oft zu solchen Stillständen kommt, gibt es Qualitätszirkel, sitzen die Experten zusammen und beraten Änderungen, Probleme und suchen nach Verbesserungsmöglichkeiten. Dabei unterstützt werden sie von einem Spezialisten. Dies ist meist ein Ingenieur und er hat keine Ahnung von den Handgriffen die zu tun sind. Aber er kennt die Zusammenhänge, die Verbesserungsmethoden und die Kontrollverfahren um Ergebnisse von Veränderungen zu bewerten. Zusammen ergibt dies in der richtigen Unternehmenskultur eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit hervorragenden Ergebnissen. Und so können u.U. durch dieselbe Werkshalle mit denselben Beschäftigten mehr Autos rollen und montiert werden - fehlerfrei.

Klingt gut. Aber genau das ist Arbeitsverdichtung nicht. Und deshalb kann Arbeitsverdichtung tödlich sein. Arbeitsverdichtung stellt die gesamte Organisation unter Generalverdacht. Eigentlich sind alle Menschen Faulpelze. Sie hängen zu lange in der Kantine herum, zulange in der Cafeteria beim Kauf eines Schokoriegels. Sie konzentrieren sich nicht auf ihre Arbeit, machen Pausen dabei und halten womöglich noch durch Gespräche die Kolleginnen und Kollegen von der Arbeit ab. So geht wertvolle bezahlte Arbeitszeit verloren. Verloren? Nein.

Wenn die Menschen, die die Beschäftigten auswählen Ahnung von ihrem Job haben, dann werden sie engagierte und vertrauenswürdige Menschen für das Unternehmen auswählen. Diese werden ihre Arbeit immer nach bestem Wissen und Gewissen machen. Sie werden es so gut tun, wie es die Prozesse im Unternehmen, die Hierarchie und die Funktionsverteilung ihren mit den ihnen gegebenen Mitteln erlauben. Das funktioniert allerdings dann nicht mehr, wenn das Unternehmen die Hygienefaktoren (hierzu gehören u.a. Gehalt, Führungsstil, Arbeitsplatzbedingungen) nicht mehr bereitstellt, die für dieses motivierte Verhalten erforderlich sind.

Aus Sicht von Unternehmensberatungen die Land auf, Land ab Arbeitsverdichtung verkaufen sieht das aber anders aus. Da sind überall kleine Lücken in Arbeitsabläufen (neu-deutsch Prozessen), die man schließen kann. Geschieht dies, wird die gleiche Arbeit in weniger Zeit geleistet oder kann in der gleichen Zeit mehr getan werden. Soweit die Theorie. Belegt wird das Ganze mit Prozessanalysen. Leider. Denn Prozessanalysen mache ich als Unternehmensberater auch. Allerdings suche ich nach Effekten in Prozessen, die Burnout und Stress fördern. Der Arbeitsverdichter aber sucht nach Zeit.

Denken Sie gerade an das Märchen „Momo und die grauen Herren“? Wunderbar! Sie sind auf dem richtigen Pfad. Der Arbeitsverdichter zeichnet den Arbeitsprozess auf, findet unnötig vertane Zeit und streicht sie. Das ist in der Realität etwas komplizierter. Wird es halbwegs richtig getan, dann liegen hinter wegfallenden Wartezeiten verbesserte IT-Prozesse, die Daten schneller liefern, verarbeiten oder verbesserter Fluss von Werkstücken. Eine neuer Roboter kann die Rüstzeit verringern helfen und damit die Zeit zwischen zwei Fertigungsschritten. So kann eine neue Aufgabe schneller begonnen werden. Kritisch wird es dort, wo es keinen Takt gibt, kein Fließband oder die Einsparungen nur auf dem Papier stehen, womöglich der Benchmark eines anderen Unternehmens sind. Das ist zum Beispiel bei fast jeder Dienstleistung und darunter fallen auch Krankenhäuser.

Krankenhaus und Burnout? War da nicht was? Richtig! Im Gesundheitswesen traten zuerst vermehrte Fälle von Burnout öffentlichkeitswirksam auf. Wenn ich in meiner Überschrift also von „Stress, Burnout, Tod“ schreibe, will ich dann darüber schreiben, dass Krankenschwestern, Pfleger, Altenpfleger und Ärzte jetzt so erkranken, dass sie tot umfallen? Nun will ich nicht sagen, dass es solche Fälle nicht gegeben hat. Bestimmt gab und gibt es sie. In der Überschrift aber geht es um jemand anderes. Dort geht es um die Patienten, die Kunden, die hilfebedürftigen Menschen, die auf Pflege im Krankenhaus, im Altenheim oder in einer anderen Einrichtung angewiesen sind.

Und jetzt wird jenen unter Ihnen, die meinen Blog mitverfolgen (was u.a. per RSS Update möglich ist) vermutlich klar, warum mich Déjà-vu Gedanken ereilen. Im Blog zum Thema Burnout im Vertrieb war es „nur“ die Kundenbeziehung, die unter den Prozessen und Vorgaben des Unternehmens litt und welche Kunden sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vertrieb psychisch belasteten. Hier nun führen die psychische Belastung, die Mehrarbeit und die verdichtete Arbeit zu Todesfällen.

Wenn Sie Zyniker sind und dies als Kollateralschäden der Unternehmensführung und Unternehmensberatung betrachten, also notwendiges Übel, um die Kosten unter Kontrolle zu halten, dann lesen Sie jetzt nicht weiter. Seien Sie aber darauf hingewiesen, dass eine zynische Grundhaltung einer der Indikatoren dafür ist, dass sich ein Mensch auf dem Weg in einen Burnout befindet.

Lesen Sie den kompletten Blog-Beitrag "Arbeitsverdichtung, Stress, Burnout, Tod" auf meiner Website.

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