Samstag, 24. November 2012

Worklife-Balance statt Work-Life Balance



Mit Work-Life-Balance am Ziel vorbei



Es sind einige Wochen seit meinem letzten Blog-Beitrag vergangen. In der Liste der Themen, zu denen ich schreiben könnte, fand sich aber keines, welches mich so richtig in Arbeitswut versetzte. Das ist schlecht aus Sicht der Selbstvermarktung und dem Erscheinen meiner Webseiten bei Google, wenn nach Beratung und Hilfe bei Burnout gesucht wird. Aber es ist normal, dass sich ein Mensch nicht laufend immer und zu 100% hinter ein Thema klemmt. Eine Ausnahme mögen hier die Fans des SV Werder Bremen sein, die auf Ihren Fanshirts stolz den Slogan 100% Werder tragen.

Die meisten Menschen verfallen heute in Selbstzweifel oder werden sich selbst gegenüber ungehalten, ja aggressiv, sind zumindest aber mit sich selbst unzufrieden, wenn sie nicht immer 100 Prozent oder besser noch mehr als 100 Prozent Leistung bringen, sie nicht immer voll präsent sind, nicht immer ansprechbar, erreichbar - alleine schon deshalb, weil ihre Vorgesetzten das offen oder indirekt von einem guten Mitarbeiter erwarten. Selbstredend sind alle die noch mehr leisten als sehr gute Mitarbeiter eines Lobes oder einer vagen Hoffnung auf Belohnung oder gar Beförderung würdig. Wer weniger als 100 Prozent Leistung zeigt ist hingegen motivationslos, schwach, leistungsunwillig oder unfähig, muss im Arbeitsleben seinen Austausch befürchten, ist doch angeblich jeder Mensch ersetzbar - außer dem Vorgesetzten, egal wie ungeeignet er oder sie in der Mitarbeiterführung sein mag.

Was hat das mit Work-Life-Balance zu tun? Wieso schreibe ich eigentlich über Work-Life-Balance, wenn ich auf der Startseite meiner Website doch klar zum Ausdruck bringe, dass ich von Work-Life-Balance Konzepten nichts halte, sie als ungeeignet erachte, das Problem von Burnout einzuschränken, sei es die Gefahr für einzelne Menschen, sei es das Risiko von Burnout-Fällen in Unternehmen?

Dies hat zwei Gründe: Zum einen musste ich mich dem Druck des Marktes geschlagen geben und den Terminus Work-Life-Balance in meine Präsentationen mit aufnehmen. Aus mir unerfindlichen Gründen hat sich der Terminus „Work-Life-Balance“ so sehr in den Köpfen der Menschen festgesetzt, dass scheinbar niemand als veritabler Burnoutberater gilt, der nicht dieses Schlagwort in den Ring wirft. Richtig ist, dass viele Menschen annehmen, dass eine Flut an Fachbegriffen die Qualifikation einer Person dokumentiert. Richtig ist aber auch, dass viele Menschen - mich eingeschlossen - dies anders sehen, weil auch Affen lernen können, Schlagworte zu schreiben.

Kennen Sie Bullshit-Bingo? Das ist ein Spiel bei dem Sie vor einem Meeting oder einer Präsentation eine Liste mit allen möglichen Schlagworten und Fachbegriffen rund um das Thema und den allgemeinen Zusammenhang drum herum erstellen, in der Form einer Bingo-Karte. Jedesmal wenn Sie einen der Begriffe während der Präsentation hören, streichen Sie ihn durch und sobald Sie eine Reihe voll haben, rufen Sie laut „BINGO“. O.k., die Wenigsten trauen sich dies offen zu tun, aber Schlagworte und Fachbegriffe - zumal solche die nicht der deutschen Sprache entstammen - fördern weder das allgemeine Verständnis noch sind sie ein Beleg für eine fachliche Qualifikation, außer vielleicht der des Lesens und Auswendiglernens

Zu meiner größten Freude scheine nicht nur ich bereit zu sein, den Begriff Work-Life-Balance einer genaueren Prüfung unterziehen zu wollen. Die Financial Times Deutschland brachte dieser Tage einen Artikel heraus, in dem sich zwei Autoren mit den Pros und Contras des Begriffes Work-Life-Balance befassten. Und das schöne für mich beim Lesen war: Ich kann beiden Autoren beipflichten - wenn auch immer nur in Teilen.

Was ist denn nun aber so falsch an Work-Life-Balance? Warum ist Work-Life Balance ungeeignet als Konzept oder Idee einen sinnvollen Beitrag zur Vorsorge gegen das Burnoutsyndrom bei einzelnen Menschen zu leisten? Wieso helfen Work-Life-Balance Maßnahmen in Unternehmen nicht die Gefahr für das Auftreten von Überlastung und Burnout zu verringern? Das liegt an dem, was Work-Life-Balance meint.

Work = Arbeit
Life = Leben
Balance = Balance bzw. Ausgeglichenheit

Arbeit-Leben-Ausgeglichenheit, also einen Ausgleich zwischen dem Leben und der Arbeit. Nur wo ist die Grenzen zwischen dem „Arbeitsmenschen“ und dem „Lebensmenschen“? Ist der Arbeitsmensch tot? Arbeitet der Lebensmensch nicht auch (sofern er oder sie nicht gerade von Arbeitslosigkeit betroffen ist)? Wie kommen wir dazu aus einem Menschen eine Art Doppelwesen zu machen, eine zweigesichtige Persönlichkeit, ja geradezu eine gespaltene Persönlichkeit, die ein Arbeitsleben….  ich muss mich korrigieren…  die eine Arbeitsexistenz hat und daneben ein von dieser unabhängiges Leben?
Das erscheint mir irgendwo zwischen Doppelleben, Marx und einem umgangssprachlich schizophrenen Lebensbild angesiedelt. Und das ist mir für ein so simples Wesen wie den Menschen eindeutig zu verquer!

Der Mensch schaltet nicht ab. Er ist nicht Arbeitsmensch und Familienmensch. Alleinerziehende Eltern arbeiten, damit sie ihre Kinder ernähren, ankleiden und ihnen einen guten Start ins Leben bereiten können. Wo käme die Motivation zum Arbeiten her, würden sie bei Betreten des Unternehmens abschalten oder umschalten auf Arbeitstier? Und ich verwende hier den Begriff Arbeitstier sehr bewusst. Nicht jedem Menschen bereitet die Arbeit Freude, nicht für alle bietet der Job auch das, was wir eigentlich in einem Beruf uns ersehnen - nämlich einer Berufung außerhalb von uns selbst und unserer Familie nachzugehen.

Aber daraus kann nur einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Leben und Arbeit konstruieren, wer selbst notorisch unzufrieden mit dem eigenen Leben in beiden Welten ist und sich nicht aus Diesem heraus bewegen kann. So ein Mensch aber erscheint mir eher hilfebedürftig, als geeignet anderen Menschen, die Hilfe bei oder vor drohender Überlastung benötigen, ein hilfreiches Konzept an die Hand zu geben.

Wenn ich in meinen Präsentationen die Work-Life-Balance einbringe, dann immer als die „Work-Life-Balance FALLE“. Diese Falle besteht darin, sich im Life Dinge zu gönnen und Dinge zu tun, die einem persönlich gut tun, die „die Batterien wieder aufladen“ - für die Arbeit. Indem wir uns aber genauso verhalten, in dem wir das Leben außerhalb der Arbeitszeit dafür verwenden genau für diese Arbeitszeit wieder fit zu werden, indem wir sie ausgleichen, in genau diesem Maße machen wir Freizeit zu arbeitsbezogener Zeit, ist die Freizeit, die sogenannte Lebenszeit, nur eine Regenrationsphase von der Arbeitsbelastung. Wie aber soll in dieser Regenerationsphase Zeit für die Aufgaben in der Familie oder nur den Aufgaben für sich selbst bleiben? Denn Sport z.B. wird allenthalben gegen Stress, das Risiko von Burnout und auch gegen Depressionen empfohlen. Doch was hat dieser Sport noch mit mir als Mensch zu tun, wenn er dazu dient die Belastungen der Arbeitsmaschine zu kompensieren?

Vom Arbeitsmenschen zum Arbeitstier, hin zur Arbeitsmaschine. Wer BWL studiert hat wird darin u.U. so wie ich eine unausweichliche Folge des 100 Jahre alten Konzepts der wissenschaftlichen Unternehmensführung nach Taylor sehen. Bei dieser geht es im Prinzip darum die Arbeitsschritte in so kleine Einheiten zu zerlegen, dass ein Schritt einem Menschen so optimal beigebracht werden kann, dass im Endergebnis ein optimaler Produktions- und Managementprozess entsteht. Nur: Taylor ist falsch, das ganze Konzept, auf die heutige Zeit übertragen, ungeeignet und ein Trugschluss!

Ein Work-Life-Balance-Konzept aber beruht auf dem Gedanken von Taylor. Es trennt Arbeit und Restleben strikt voneinander und führt so in die vorstehend beschriebene Falle. Denn der getrennte Freizeitprozess ist eben nicht vom Arbeitsprozess getrennt. Der Ausgleichsversuch ist seine direkte Folge, mithin ein Output. Wenn die Prozesse in Unternehmen wie wir sie heute kennen, in ihren Grundsätzen auf Frederick Taylor beruhen und diese Prozesse zu immer mehr erkrankten Menschen führen, dann können wir mit einem Work-Life-Balance Konzept, welches sich unmittelbar an Taylor anschließt, das Problem nicht lösen. Wir machen nicht die Arbeitsprozesse gesünder sondern wir schaffen einen ungesunden Zusatzprozess im Leben von Menschen, der genau dahin führt, wo wir - zumindest ich nicht - Menschen sehen wollen: Psychisch überlastet und mit Depressionen und mit Burnout arbeitsunfähig.

Was also könnte besser sein als ein Work-Life-Blanace Konzept?

Wie wäre es beispielsweise mit einem Worklife-Balance Konzept, einem ausgewogenen Belastungssystem im Arbeitsalltag allgemein und auch über das gesamte Arbeitsleben durch Flexibilität bei den Prozessteilnehmern, durch agiles Handeln und ein Bewusstsein für die Bedeutung der Leistungsfähigkeit von Menschen für den Erfolg des Unternehmens am Markt?

Lesen Sie den kompletten Beitrag "Worklife-Balance statt Work-Life Balance" auf meiner Website http://www.burnout-unternehmensberatung.de 



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